Armadacup Bern 2011

Armadacup 2011 Bern – „Drachenboot Formel 1“ oder „unverantwortlich und fahrlässig“

Von Günter Renschin

Es dauerte lange, bis die Starterliste für das Rennen 2011 erschien. Der Veranstalter hatte aber seit längerem die Meldeliste gesperrt und so trafen sich 6 Damen und 39 Open-Drachenboote aus 5 Nationen zur 13. Auflage dieses seit drei Jahren so spektakulär gewordenen Langstrecken-Rennens auf dem Wohlensee in der Nähe von Bern, welches 1999 erstmals mit 5 Booten ausgetragen wurde. Martin Luethi hatte die Idee, Drachenboote in ein seit 1987 ausgetragenes Langstrecken-Ruderrennen, bei dem sich Weltmeister und Olympiasieger in die Ergebnislisten eintragen, zu integrieren. Ein kühnes Unternehmen, bei dem sich diese doch sehr verschiedenen Welten auf interessante Weise begegnen.

Am 14.11.2010 erschien mein Bericht auf den DKV Homepage zum Rennen 2010, bei dem es zu einem spektakulären Crash der Open-Boote nach dem Start kam. Infolge der Ereignisse 2009 und 2010 nahmen Matthias Eschbach (Hochrhein Paddler) und ich (WVS Rheingauner) mit dem Armadacup Veranstalter und Francois Ryffel, dem Schweizer ICF Chairmen Dragon Boat, Kontakt auf, um fachliche und organisatorische Hilfe für die Ge-staltung des Rennens 2011 anzubieten. Ich hatte bei der WM in Toronto Gelegenheit zu einem ausführlichen, persönlichen Gespräch mit Francois, Matthias wurde zu einer Sitzung des Organisationskomitees nach Bern eingeladen. Unsere Vorschläge befassten sich mit: Einführung einer dritten Mixed Startklasse, verbindliche Teilnahme am Teamcaptains-meeting, Startkorridor für jeweils 6 Boote pro Reihe und Markierung (Schilder) der Start-reihen, Kontrollen jeder Startreihe mit entsprechender Kontaktmöglichkeit (Megaphon) zu den Booten, Markierung der Startlinie und Bojenreihe in der Feldmitte vom Startkorridor bis zur Kappelbrücke, Markierung der Durchfahrtsbögen der Wohlenbrücke für sich begegnende Boote, Bojenreihe zur Trennung der Boote (Rechtsverkehr) zwischen den zur Wende hin- und rückfahrenden Booten, sowie Erhöhung der Anzahl der Sicherungsboote. Nach Schilderung des 2011er Rennverlaufes werde ich auf die Frage der Umsetzung unserer Vorschläge – auch als betroffene Teamcaptains - zurückkommen.

Bei der Besichtigung der Strecke vom Aumattsteg aus, waren die Markierungen der Start- und Mittellinie, letztere verlief vom Startkorridor bis zur Kappelbrücke im Bogen, und die Begrenzung der linken Innenkurze deutlich zu sehen und wurde von den Teilnehmern als angemessen eingeschätzt. Beim Teammeeting, das Francois Ryffel leitete, wurden das Startprocedere, der Streckenverlauf und die vorgesehenen Zeitstrafen ausführlich darge-stellt. Leider wurde die Einhaltung der Leitbojen, der Mittellinie und der Aussenbegrenzung nur empfohlen. Mehr als 30% der Teams, auch die 11 Teams aus Italien fehlen bei der Besprechung.

Der Start der 7 gemeldeten Damenboote war, bis auf die ungenaue Startreihenfolge, un-problematisch. Bereits nach  600m hatten sich die vier Boote der Rheingauner, Beider Basel, Prag und Bad Säckingen vom Feld abgesetzt. Bei Einfahrt in den Wohlensee kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Basel, Prag und Bad Säckingen, die das Schiersteiner Boot zu einem Ausflug auf eine Sandbank nutzte, ihre Chancen verspielte und sich so das sehr starke Boot aus Basel durchsetzen konnte und vor Bad Säckingen und Prag die Ziellinie überqueren konnte. Erfreulich, dass der Veranstalter die Siegprämien und die Ehrung der Damenteams den Openbooten angeglichen hat.

Ich denke alle Leser dieser Zeilen haben die spektakulären Bilder des Massenstartes 2011 der 38 Openboote auf YouTube gesehen. 38 Boote, auf einer Flächen von 50x120m komprimiert, über 800 Aktive, die voller Spannung, voller Energie aber auch voller Ängste stecken, warten auf die Anweisungen das Starters. Francois Ryffel hat dankenswerter Weise diese Aufgabe übernommen. Aber durch die Ausstattung mit nur einem großen Megaphon, kann sich Francois nur auf die erst Starreihe konzentrieren. Das übrige Feld schiebt sich dicht zusammen, die Startreihen verschieben sich vom Aumattsteg gesehen nach links. Der Starter ist natürlich nur für wenige Boote zu hören. Die Geräuschkulisse die die Teams erzeugen, verhindert eine sinnvolle Kommunikation. Ca. 30 Sekunden nach der angezeigten Startzeit erfolgt der Startschuss. Das Feld kommt geschlossen ins Rennen. Nach 20 Schlägen bricht als Erstes mein Boot der WVS Rheingauner (Boot 5) nach links aus, beim Korrekturversuch mit maximalem Steuerdruck stürze ich, das Boot ist für ca. 5 Schläge ungesteuert und bricht weiter nach links aus, die folgenden Boote korrigieren ohne Boots-kontakt ebenfalls nach links und lösen damit die erste Kollisionsserie aus. Ich kann das Boot mit dem 30. Schlag nach rechts korrigieren und bin unter dem Aumattsteg wieder auf Kurs. Ich entschuldige mich für diese Behinderung, für die unser Team mit einer Strafe von 60 Sekunden zu Recht belegt wurde. Ich bin im Steuern nach 19 Rennen über mehr als 10km und unzähligen Rennen über 2000m kein Neuling mehr, aber die Physik ist mit Drachen-booten unnachsichtig und Missgeschicke passieren leider. Die dramatischsten Sekunden dieses Rennens sollten aber noch folgen. Nach weiteren Kollisionsserien fährt das Boot von SV Breitling (Rostock, Boot 32) ab Schlag 60 in eine aussichtslose Position, von links und rechts ist alles dicht, mit Schlag 65 geht die Trommlerin, zum Glück mit Schwimmweste ausgerüstet, von Bord. Trotz völlig unübersichtlicher Situation springt der Rostocker Mann von Bank 2 links ins eiskalte Wasser und kann seine Trommlerin nach wenigen Schwimm-züge erreichen. Von links aus dem Boot 22 von WSAP Hamburg wird eine Hand gereicht, es gelingt den Rostockern ihre Trommlerin am Bootsheck aufzunehmen und nach dem Aumatt-steg in ein Rettungsboot zu übergeben. Rostocker, ihr habt einen Helden an Bord! Hamburger, Eure Frau von Bank 2 rechts ist eine sehr faire und hilfsbereite Sportlerin. Es folgen noch unzählige Kollisionen, Bootsberührungen, echte Zusammenstöße und leider auch Prügeleien, Situationen in denen Sportler meinen, den Gegner im nahen Boot mit dem Paddel attackieren zu müssen. Erst unter der Kappelnbrücke, etwa 600m nach dem Start, enden die letzten Ereignisse, die in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Startprocedere stehen. Auch im Bereich der Wende kommt es erneut zu sehr gefährlichen Situationen, die durch das Kreuzen der Strecke nach der Wende verursacht werden. Die Richtung Ziel fahrenden Boote – vorab die Damenboote- versuchen im tiefen Wasser zu bleiben, wollen den Kontakt mit den Sandbänken vermeiden und kreuzen damit den Kurs der in Richtung Wende fahrenden Boote. Die Kollision mit Kenterung 2009 an dieser Stelle zeigte, dass diese Gefahr sehr real ist.

Letztendlich haben sich bei diesem spektakulären Rennen 2011, das alle TeilnehmerInnen nicht kalkulierbaren Gefahren aussetzte, absolute Weltspitzenteams gewonnen. Sieg für Beider Basel II, gefolgt von dem Hochrheinpaddlern mit TC Matthias Eschbach, der dritte Platz ging an die Vorjahressieger vom WSV Schwörstadt. Einen überraschenden vierten Platz erreichte das Team aus Besancon/Frankreich, fünfte wurde der Vorjahreszweite aus Rapperswil.

Um die Ereignisse nicht allein zu reflektieren, darf ich im Folgenden aus einigen mir zugänglichen e-mails zitieren:

„Ich wusste nicht, dass die Italiener nicht am Teamcapainmeeting teilgenommen hatten“ A.S. - „Die Startphase ist unverantwortlich und fahrlässig … ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist“ B.Sch. – „Der Starter kümmerte sich nur um die erste Reihe“ P.L. – „Die Schilder waren zu klein“ P.L. - „Appell an die Selbstdisziplin jedes einzelnen Teams … die Kommunikation im Boot ist sicher zu stellen“ F.R. – „Die Physik hat sich durchgesetzt, die Boote waren nicht beherrschbar“ M.G. – „Schläge in die Nachbarboote sind eine Frechheit“ P.L. – „Die Gesundheit ist das wichtigste Gut, war 2011 nicht gewährleistet“ P.L.- „Diese Bedingungen haben mit dem Drachenbootsport nichts mehr zu tun“ D.M. – „Es hat sich nichts geändert, außer, dass das Startgeld höher wurde“ D.M. – „Es sind alle Sportler des Sportes wegen hier und nicht sich gegenseitig kaputt zu fahren“ P.F. – „Ein schönes Rennen aber sehr gefährlich“ N.G. – „Es sind oft ein paar Idioten, die die Sache nicht im Griff haben und auf Teufel komm raus fahren .. mit Hirni zu fahren ist halt ein Fremdwort, Muckies reichen nicht“ I.H. - „Auf dem Papier sah alles recht gut aus“ M.G. – „Die erfolglosen meckern“ F.R. – „Startphase 2012 entzerren“ P.L. – „ 2012 beim Start doppelt so viel Abstand und ein Startschuss pro Reihe“ M.G. – „Mehr Helfer für 2012, härtere Zeitstrafen“ F.R.

Die Idee des Armadacup Drachenbootrennes als Langstreckenrennen, mit gemeinsamem Start auf einem naturbelassenen Gewässer, ohne viele Regeln, muss weiter leben. Ein Rennen an dem ohne Werbung, ohne attraktive Homepage, ohne Informationen fast 50 Teams teilnehmen wollen, muss etwas Besonderes sein. Aber die Gestaltung dieses Rennens muss sich der gewachsenen Teilnehmerzahl anpassen. Grundlegende Sicherheits-bedürfnisse der SportlerInnen müssen beachtet werden. Durch eine Verzichtserklärung auf Haftungsansprüche kann ein Veranstalter sich seiner grundlegenden Verantwortung für das Geschehen aus dem Wasser nicht entziehen. Die Schuld an den Ereignissen der letzten Jahre ausschließlich den Temas zuzuordnen ist kein Lösungsweg.

Der Veranstalter hat in den letzten drei Jahren folgende Anregungen aufgegriffen: Die Anzahl der Sicherungsboote ist angemessen, die Einführung einer Mixed-Klasse für 2012 ist geplant, die Probleme des Startprocederes wurden 2011 sehr aktiv, allerding ohne Erfolg, angegangen.

Ich darf folgende Vorschläge skizzieren: Teilnahme am Teamcaptainmeeting zwingend (sonst Zeitstrafe); Reihenfolge der Bootsklassen -1. Open, 2. Mixed, 3, Damen; Startkorridor mit 6 Bahnen markiert, Hervorheben der Startlinie; Einzelstart für jede Reihe mit 6 Booten im 10-20 Sekundentakt (Zeitstrafen für Frühstart)! Installation einer Lautsprecheranlage mit großer Leistung für den Starter, Vorstarter zum Aufruf und Einordnung der Teams; Markierungsbojen im Bereich der Sandbänke (verringert die Zahl der Positionskämpfe auf der Strecke); An der Wohlenbrücke Einbahnverkehr in den Durchfahrten (rote und grüne Schilder); Markierung der Strecke zwischen Wohlenbrücke und Wende in Fahrwassermitte, Rechtsverkehr; Einsatz von mehr Schiedsrichtern beim Start und mit aktiver Eingriffs-möglichkeit (Megaphon) auf Strecke und an der Wende.

Ich darf mich an dieser Stelle bei Francois Ryffel und seinem kleinen Team für sein Engagement für den Armadacup 2011 bedanken. Lernen wir gemeinsam aus den Fehlern. Verlassen wir die Schuldfrage und beschäftigen wir uns mit der Frage, wie es 2012 besser und vor allen Dingen sicherer werden kann. Nutzen wir die Zeit die wir jetzt dafür noch haben (nicht erst 3 Wochen vor dem Rennen). Sollten wir dabei helfen können, sind wir dazu bereit.